Die Rache der Betonbiber - eine Glosse

 

 Teil 1: Wie die Biber nach Erlangen kamen

 

 Die Nacht an den Seelöchern dämmerte dem Tag entgegen. Sie hatten ihr Nachtwerk (also die Tagesarbeit) vollbracht, der Damm für die neue Burg war schon zu beträchtlicher Größe angewachsen. Mattzufrieden paddelte Familie Biber in Richtung Ufer, wo Justin, der Künstler unter ihnen, bereits ein Lagerfeuer angeblasen hatte.

 

Ja, Justin nannten sie „Künstler“. Ihm genügte es nie, die Bäume nur so rundum anzuknabbern, so sanduhrförmig, bis sie fielen. Nein, Justin gab den Bäumen vor ihrem Ableben noch eine prächtige Gestalt. Das sah grandios aus, wenn er zwei Ringe knabberte oder nur das Wurzelwerk leicht abschabte, so dass es tagelang weithin leuchtete.

 

Justin hatte also ein Lagerfeuer angefacht, wobei ihm sein kleiner Bruder Oliver helfen durfte. Aber nur mit Äste schleppen, die Formgebung besorgte der Künstler höchstpersönlich. Nach und nach trudelten sie alle ein: Mama Susi Biber, Papa Ben Biber, Opa Biber (den sie gerne OBI riefen, weil der dort schon öfter in der Abteilung Holzzuschnitt für beträchtliche Unruhe gesorgt hatte) und Omi Biber, die angeblich schon mal eine Zahnbürste verschluckt hat. Und da ist noch Teenager Charlotte, die besonderen Wert auf ihre makellos gewachsenen Schneidezähne und lackierten Krallen legte und die fuchsteufelswild werden konnte, wenn man in ihrer Gegenwart eine auch nur den Hauch einer sexistischen Andeutung machte.

 

Da lagerten Sie also um das Morgenfeuer und trockneten ihren Pelz, weil es sich mit nassen Haaren schlecht schläft. Papa Ben zog nachdenklich an seiner Schilfpfeife, Charlotte kuschelte sich an Omi und gerade als Justin zur Gitarre greifen wollte, haucht Charlotte bittend: „Ach OBI, kannst Du uns nicht die Geschichte von eurer Einwanderung in die Seelöcher erzählen? Ach bitte OBI, biiiiitte!“

 

Opa Biber war ein begnadeter Geschichtenerzähler, auch wenn er dabei hie und da ein paar Fake News einstreute, die man ihm aber gerne verzieh, weil er dabei auch so verräterisch mit dem linken Ohr wackelte. Also ließ sich Opa nicht zweimal bitten, nahm das angeknabberte Erlenlaub aus seiner Backentasche und begann die Erzählung von seiner langen Flucht aus einem sehr, sehr fernen Land.

 

 „ Als ich noch ein kleiner Junge war, ungefähr so alt wie Du, Oliver, da lebte ich und meine Eltern und meine Großeltern und früher meine Ur- und Urur- und Ururur-Großeltern in einem weiten Land mit riesigen Wäldern und großen Sümpfen und Bäumen, die bis zum Himmel wuchsen. Und in den Flüssen haben wir Dämme gebaut, die waren so lang, da konntest du nicht von einer Seite ans andere Ufer schauen. Und unsere Burgen waren so mächtig, dass nicht mal meterdickes Eis sie im Winter zum Einsturz bringen konnten. Und im Frühjahr haben wir gefressen, bis sich die Bäuche gebogen haben, im Sommer sind wir Nachbarjungs immer in den Sümpfen umhergestreift und haben den Mädels ...“

 

 „Oooopaaa !!!“ stoppte Charlotte vorwurfsvoll Großvater.

 

 „Im Herbst“ fuhr Großvater fort, „da haben wir also die meterhohen Burgen gebaut, das hat Spaß gemacht, und abends gab's immer saftige Erlen- oder Espenrinde – lecker. Und im Winter, naja, da haben wir's langsam angehen lassen. Und die Erwachsenen haben sich dann oft in die hinteren Gänge verzogen.

 

So gingen die Jahre dahin und unsere Großeltern und Urgroßeltern und Ururgroßeltern in die ewigen Sumpfgründe ein, bis eines Tages eine leichte Unruhe unsere Wälder erfasste. Man munkelte, tuschelte, aber was Genaues wusste man nicht.

 

Es sollte weit, weit weg an der Küste des Landes in einem turmhohen Haus der König des Landes leben, auf einem goldenen Thron sollte er sitzen, aus goldenen Bechern trinken und jeden Tag ganze Burgen aus Tierfleisch essen.“

 

Burger, Opa, Burger, heißen die“, warf Justin ein.

 

Also, dieser König, so erzählte man sich hinter vorgehaltener Pfote, dieser König vögelte jeden...“

 

 „Aaaahhhh“schrie Charlotte, „ich hab's dir schon hundert mal gesagt, Opa, das heißt twittern, twittern“.

 

 „Sorry My Dear „ entschuldigte sich Opa Biber, der immer noch in seinen leichten Akzent aus seiner Kindheit fiel, wenn er sich ertappt fühlte. „Dieser König amselte (ha, ha, ha) jeden Morgen auf seinem Pfoti herum, weil ihm langweilig war, aber meist kam nicht Gutes dabei raus, manchmal Schreckliches. Und gerade wenn wir schlafen gegangen waren, dann kamen diese Fake News Rüpel... Rübel...rüber.

 

Und in einem Morgengezwitscher, so munkelte man, hat er rumgeamselt, dass wir doch besser das größte und schönste und überhaupt Land verlassen sollten, wenn es uns nicht passen würde.

 

Aber es passte und doch, wir fühlten uns gut und great.

 

Was war also passiert?

 

Einige Zeit später, das WLAN war wieder ok, nachdem es tagelang abgesumpft war, kam dann die Aufklärung: Investigative Recherchen hatten aufgedeckt, dass der König jeden Morgen sprach: „Fox-News, Fox-News an der Wand, wer hat den Größten im ganzen Land?“

 

(Charlotte war am warmen Pelz von Omi Biber eingenickt, sie regte sich nicht).

 

Und immer lautete die Antwort: „Weit im Westen in den Sümpfen, da gibt es einen Stamm, die haben ganz, ganz große Schwänze, Biberkellen. Die sind bis zu 16 cm breit und bis zu 38 cm lang.“

 

Und jedesmal erbleichte der König und sein Haar wurde lichter. Wuchsen bei seinen weißen Untertanen rund 6 Haare auf einem Quadratmillimeter, so waren es bei ihm nur noch 4, was er durch eine weitschweifige Tolle zu vertuschen suchte. Aber diese Biber: bis zu 230 Haare auf einen Quadratmillimeter, da konnte er bei Weitem nicht mithalten und vertuschen, und der Unterschied würde ja von Jahr zu Jahr größer werden. Und diese großen Schwänze!

 

Da mußte der König handeln, beziehungsweise zwitschern. Er wollte uns loswerden.

 

Er beschimpfte uns tagelang, wochenlang, bis mein Vater, also euer Urgroßvater, sagte: „Genug ist genug, mir reicht's. Wir wandern aus, wir hauen ab. Soll er doch sehen, wie sein Land dann total versumpft. Ich hab ein bischen gebiibelt (Biber googeln nicht, sie biibeln), und da gibt es weit im Osten, dort wo die Sonne aufgeht, kleine aber feine Seelöcher. Dort wird man uns mit Freude empfangen. Und die kurzzähnigen und dünnhaarigen Zweibeiner werden uns auch in Ruhe lassen. Die ham doch vor 2400 Biberjahren schon einmal Fremden Asyl gewährt, hab' ich gelesen. Es wird eine lange, lange Reise, durch Flüsse, Seen und übers weite Meer.“

 

Wir schaffen das“, sagte unsere Mama. Angie war Papas Frau fürs Leben und nicht aus der Ruhe zu bringen.

 

Und wir brachen auf. Unsere Großeltern, Mama, Papa und wird Kinder, achtzehn an der Zahl, drei Jahrgänge. Wir durchquerten Bäche und Flüsse, schwammen durch Sümpfe und Seen und kamen dann an die Küste des weiten Meeres, an den Ozean.

 

So ein großes Wasser hatten wir noch nie gesehen, und so salzig. Mir schaudert heute noch.

 

Papa mahnte zur Eile, denn er wollte nicht warten bis wir es uns vielleicht anders überlegt hätten und schnurstracks umgekehrt wären.

 

So schwammen wir los, Papa vorneweg, er hatte ja das wasserdichte NAVI von Sing Sang - „Samsung, Opa, Samsung“ warf Justin ein. Und unsere Mama Angie paddelte in diebischer Aufmerksamkeit hinterher. Wir achtzehn Kinder mussten eine Raute bilden, immer Kopf an Kelle an Kopf. So hatte sie alles unter Kontrolle und keines von uns konnte nach 'Links' oder 'Rechts' ausscheren. Und wenn einmal jemand murrte oder ihr auf die Nerven ging mit der ewigen Fragerei, wann wir denn endlich da wären, da sagte sie immer nur: „Seid still, das ist alles alternativlos.“

 

Wir schwammen 17 Tage und 17 Nächte, bis wir uns endlich am Ziel unserer Träume wähnten. Mit letzter Kraft der Schwanzflossen schwappten wir an den Strand. Dort war ein Schild aufgestellt, da stand was drauf, was wir nicht lesen konnten. Wir konnten eh nicht lesen. Wo waren wir? Seelöcher waren jedenfalls keine zu sehen. „Einstein, lies mal vor“ sagte Papa. Einstein war der einzige Akademiker unter uns, er hatte in Bieveräk seinen Doktor gemacht, konnte also lesen und schreiben. Einstein stellte sich auf die Hinterflossen und buchstabierte: „R   o   t   t   e   r   d  a  m, Rotterdam.“

 

Ja, Damm ist gut“ schrien wir alle „Damm ist gut. Damm, Damm, Rotterdamm, Damm, Damm, Rotterdamm, Damm, Damm, Rotterdamm.“

 

Justin hatte gerade die ersten Takte auf der Gitarre mitgerockt, da unterbrach ihn Opa und setzte seine Erzählung unmittelbar fort.

 

Die Nacht, also den Tag, haben wird durchgefeiert. Und dann haben wir drei volle Tage, also Nächte, in einem Strandkorb gepennt. Total müde aber glücklich.

 

Als wir alle wieder aufgewacht waren, den Magen mit leckeren Algen auf leicht gesalzenem Seegras gefüllt hatten und die Herzen überquollen vor lauter Vorfreude auf einen Stadtbummel in Rotterdam, da zog Papa das NAVI aus dem Pelz und tippte ein: AN DEN SEELÖCHERN. Und dann zeigte er in Richtung Südosten. „Da wollen wir hin.“

 

Charlotte war aufgewacht und  unruhig geworden. Charlotte, die aufmerksame Beobachterin, konnte sehen, wie in den letzten Minuten das linke Ohr von Opa bedenklich hin und her wackelte. Irgendwas stimmte nicht. Aber was?

 

Opa, ist das alles wahr, was du uns da erzählst?“ Sie schaute Opa fragend an.

 

Oh my dear, natürlich stimmt das Alles. So wahr ich vorne Zähne und hinten eine Kelle habe.“ Dabei gab er sich Mühe, so überzeugend wie möglich zu wirken, auch wenn das Zucken des linken Ohrs gar nicht mehr zu übersehen war.

 

In Wahrheit ging die Geschichte natürlich etwas anders: An der Ostküste ist die ganze Biberfamilie gar nicht in den Ozean gestiegen, sondern auf ein Containerschiff. Im Laderaum, der zufällig bis zur Decke mit frisch geernteten Maiskolben gefüllt war, machten sie sich's gemütlich, bis sie im Rotterdamer Hafen alle vollgefressen von der Reling rollten. Welch eine profane Überfahrt. Aber dieses Geheimnis würde OBI mit in die ewigen Sumpfgründe nehmen, Oliver sollte doch stolz sein auf die Heldentaten seiner Vorfahren.

 

Und Opa nahm die Erzählung wieder auf. Das linke Ohr hatte aufgehört zu wackeln.

 

Da wollen wir hin, Richtung Südosten, da sind die Seelöcher von Erlangen“ rief Papa.

 

Aber wir Kinder wollten nicht mehr weiter. Wir schrien alle durcheinander, dass wir von „Langen“ nichts mehr hören wollten, geschweige denn von „ER Langen“. Und dass wir hier in Damm zu bleiben gedachten, in Rotterdamm, auch wenn „Rotte“ uns ein wenig an unsere ungeliebten Nagerverwandeten in den Kanälen erinnerte.

 

Ruhe“, schrie Papa lautstark dazwischen, „Ruhe, das LANG hat mit LANG nichts zu tun, und bei ER LANG müsst ihr erst gar nicht auf dumme Gedanken kommen.“ Papas Stimme überschlug sich fast. „ Erlangen, das kommt von Erlen-Anger, Erlen-Anger, schnallt ihr das? Erlen, Erlen, … macht's da bei euch nicht „Klick“ da oben?

 

Augenblicklich verstummten wir.

 

Einige Sekunden war Totenstille.....

 

Dann brach der Jubel los. „J,a ja, auf nach Erlen-Anger, nach Erlen-Anger. COOL, GEIL“ Wir rannten alle zum Ufer, was gar nicht so einfach war, weil wir uns dabei gegenseitig auf die Kelle stiegen und ständig rumpurzelten.

 

Aber dann. Dann kam der Rhein, dann der Main, dann die Regnitz, Bamberg, Erlangen, Wiesengrund, An den Seelöchern. Da waren wir.

 

Und da war unsere neue Heimat, und sie ist es heute noch. Klein, aber fein, ruhig gelegen, viel Sumpf, saftige grüne Bäume, Dickicht und weiter Blick zugleich. Und das soll auch unsere Heimat bleiben. Für ewig und drei Bibertage.

 

Die Nacht, also der Tag war inzwischen angebrochen. Schweigend und müde starrten alle in die Glut. Niemand machte Anstalt, aufzustehen, niemand wollte sich zur Tagruhe, begeben.

 

Da zog Papa Ben Biber seine Schilfpfeife aus dem Mund. Er, der die ganze Zeit schweigend geschwiegen hatte, durchbrach die Stille. Er fand die Zeit gekommen, seine Familie aufzuklären.

 

Kinder, hört mal her, und Opa und Omi auch. Ich muss euch was Wichtiges sagen.

 

 

 

 

Teil 2 Rache ist süß – Vorfreude noch süßer.

 

Papa Ben zwirbelte noch kurz an seinen Barthaaren, schaute jeden an, um sicher zu sein, dass alle zuhörten und begann:

 

Vor ein paar Tagen (also Nächten) war ich ein wenig unterwegs, da wo die Tennisplätze sind. Ich wollte mal schau'n, ob ich vielleicht ein paar Filzkugeln finde, die ihr ja so gerne als „hors d'oevre“ nascht.Und wie ich da so rumschnüffle, da raschelt's plötzlich unter mir und ich steh' auf'm Fetzen Papier, das wahrscheinlich so ein Umweltverschmutzer weggeworfen hat.

 

Aber das war nicht einfach ein Fetzen Papier, das waren ein paar Seiten von den Erlen-Anger News. Und auf einer Seite konnte ich Bruchstücke von einer Schlagzeile lesen: 'Stadtr.. will neu. ...ras für die StUB'. Ja, was konnte das ausgeschrieben denn heißen? Ich rätselte etwas herum, vielleicht: Stadtrat will neues Gras für die StUB? Für die StUB, was ist denn das, hab ich mich gefragt, … StUB???, ...StUB???......Ach: Störche und Biber. Der Stadtrat will neues Gras für die Störche und Biber. Na toll, dass die kurzzähnigen, dünnhaarigen Zweibeinpolitiker mal was für uns tun, und vor allem für die Störche, die bald arbeitslos sein werden, weil die kurzhaarigen, dünnbeinigen Zweibeinerbabys bald mit Drohnen von Amazon gebracht werden sollen. Zrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr.

 

Wie ich so weiter lese, da werd' ich immer aufgeregter. StUB, das sind ja gar nicht die Störche und Biber, das ist die Stadt-Umland-Bahn und 'ras', das war nicht Gras, sondern Trasse. „Stadtrat will neue Trasse für die Stadt-Umland-Bahn“. So weit, so gut. Aber dann kommts pappelknüppeldick. Die Trasse soll mitten durch den Wiesengrund gehen, und so dicht wie Biberhaar an den Seelöchern vorbei, an unserem schönen Heimatsumpf. Und die soll so breit sein wie ein Zweibeinerhaus, und so hoch, aber hundert mal so lang. Stellt euch mal vor, eintausendfünfhundert Biber lang. Und aus Beton mit Stahl drin, der ist noch härter als afrikanisches Eisenholz“

 

Bei diesen Worten fährt allen der Schrecken in die Glieder. Justin springt auf, bibert am ganzen Körper, fuchtelt wild mit seiner Kelle durch die Luft und brüllt: „Die ham doch nicht alle Trassen im Schank!“

 

OBI schrie: „Umweltraudis, Naturverschandler, Ignoranten. Omi Biber quietschte: „Nein, nein, nein, nicht vor meiner Burgtür“. Und Charlotte war komplett aus dem Häuschen: „Dann gucken die mir oben von der Trasse bei meiner Morgentoilette zu, die Spanner. Eklig. Ich will das nicht.“

 

Oliver, der Jüngste, aber nicht der Dümmste, er ging ja schon in die 10te Klasse am Emmy-Nager-Gymnasium, mischte sich ein: „Die sind doch komplett gaga, die StUB startet doch mit einer gewaltigen negativen CO2-Bilanz. Erst die Umwelt weiter schädigen, um sie hinterher retten zu wollen? Wenn's dann überhaupt noch was zu retten gibt!“

 

Alle schrien wild durcheinander, so was hatte man an den Seelöchern noch nie erlebt.

 

Bis Mama Susie einschritt, die immer schon Aufregung nie gut vertragen konnte: „Jetzt seid mal alle still, ich will Papa was fragen.“

 

Der Lärmpegel ging etwas zurück und Mama wandte sich an ihren Nagergatten: „Du sag mal Ben, weißt Du, wie lange die da an der Trasse bauen werden?“

 

Augenblicklich wurde es mäuschenstill.

 

So an die 2 bis 3 Jahre, Zweibeiner-Jahre.“

 

Was, das sind ja mal 8 Biberjahre, als zwischen 16 und 24 Biberjahre“ platzte es aus Oliver heraus. „Das heißt für den Rest meines Lebens, und für den Rest eures Biberlebens und für das ganze Leben der nächsten Bibergeneration wird Baulärm und Dieselgestank hier reinwabern. Und das nachtsüber, also tags, wenn wir schlafen. Das geht auf kein Biberfell! Wir müssen was dagegen tun!“

 

Müssen wir, werden wir“ unterstrich Omi Olivers Aufruf energisch: „Gell Opi?“

 

Und Opi eilfertig: „Ich weiss auch schon was. Wir machen 'ne Demo zum Rathaus, da sitzen die, die uns das alles einbrocken wollen. Und auf die Transparente schreiben wir: „Biberburgen statt Betonbögen“, oder „Biber mögen Bäume – nicht Beton. Oder: „Wer den Wiesengrund nicht kennt, der gehört zum Establishment“ (den Spruch hat Opi mal von seinem 68er Urgroßvater aufgeschnappt).

 

Ja“ rief Oliver, „'ne Demo, und zwar immer Mittwochs. Freitags machen wir schon, jetzt dann auch noch am Mittwoch. Und die Demo muss heißen: „Wednesday for Wiesengrund“.

 

Klasse Oliver“ lobte Papa Ben seinen jüngsten Erlen-Sprössling. Ich weiß schon, warum ich dich auf's Emmy-Nager geschickt habe. Und das hängt auch mit meiner Idee zusammen, was wir dann tun werden, wenn diese Nicht-alle-Trassen im Schank-Trasse doch gebaut werden sollte.“ - Papa Ben blickte aufmerksamkeitsheischend in die Runde.

 

Jetzt sag schon Papa“ meldete sich Charlotte ungeduldig.

 

Also, ich hab' mit folgendes überlegt. Oliver geht doch aufs Gymmi. In der Unterstufe ham' se da Mathe, Biberisch und ganz wichtig, unsere Ernährungsgrundlage Blätter und Stängel. In der Mittelstufe dann Mathe, Biber-Latein sowie Erle, Espe und Pappel, also Weichholz. Und nächstes Jahr, wenn Oliver in die Elfte kommt, dann kriegt er Mathe, Alt-Nagerlatein und Hartholz: Buche, Eiche und afrikanisches Eisenholz. Und jetzt kommt meine Idee; Oliver sollte unbedingt noch den Leistungskurs „Beton“ dazu nehmen.

 

Nach einem kurzen Augenblick des Zögerns stimmte Oli zu: „Mach ich, mach ich. Ich ahne schon was Köstliches.“

 

Oliver wird uns dann im Homeschooling das beibringen, was er im B9 alles so über die Zerspanungseigenschaften von Spann-, Rüttel- und Stampf-Beton gelernt hat“, fuhr Papa Ben fort. Und tagsüber (sprich: nachts) können wir an den riesigen Betonklötzen im Wiesengrund, wo die Hochspannungsmasten drauf stehen, also an denen können wir dann ausprobieren, was wir gelernt haben. Nur ausprobieren, nicht fällen.

 

Und Justin, du als Künstler wirst alles überwachen, damit wir da schöne Muster reinkriegen. So wie in der Alhambra. Dann spannen die kurzzähnigen Zweibeiner nicht, was da eigentlich abgeht. Aber nur Muster Opi, nicht wie damals im OBI, als du die ganze Holzabteilung....“

 

Ja, ja, is' schon gut“ beschwichtigte Opi „hab's verstanden“.

 

Papa Ben Biber fuhr mit geschwellter Brust fort, ob seiner grandiosen Idee: “Ihr ahnt sicher schon, was jetzt kommt, wenn die Trasse tatsächlich mal gebaut werden sollte, oder?“

 

Na klar, sicher“ bestätigte Justin, nicht ohne das Grinsen zu lassen. „Erst nagen wir Muster in die Trassenpfeiler und die dünnhaarigen Zweibeiner freuen sich. („Sieht doch gut aus, oder ?“). Der Kunstverein macht dann Führungen rund um die Trassenpfeiler, Musterologen legen mit Drittmitteln Forschungsvorhaben auf, um den tieferen Sinn der Zeichen zu ergründen. Und die Sprayer werden ihre Tags drauf setzen, die Kunsthistoriker sprechen dann von völlig neuen Sehgewohnheiten.

 

Erst machen wir Muster, dann den Master. Und der hat's in sich, mehr muss ich euch ja wohl nicht erklären. Und kein Schwein merkt was.“

 

Hey Justin“ warf Charlotte ein, „Schweine sind intelligent, nicht so wie wir, aber trotzdem, die merken immer was!“

 „Ja, aber nicht die kurzgezähnten Dünnhaarer.“

 Voller Schadenfreude rieb sich Ben Biber seine Pfoten respektive seine Kelle am nächsten Ast.

 

OK Sohn“ sagte Opi „dann darf ich wieder der Alte sein, wie damals im OBI. Und kurz bevor die Pfeiler ihren in Beton gegossenen Widerstand aufgeben, ziehen wir uns an den Waldrand der Seelöcher zurück und harren der Dinge, die da kommen,  bis das Schicksal seinen Lauf nehmen wird. Bis der Sturm kommt, der Bus- und StUB-Sturm.“

 

Yeeaaa“ riefen alle im Chor, und jeder malte sich in Gedanken den Trümmerhaufen aus, der mal eine weitschweifige Trasse gewesen sein sollte. Vorfreude ist doch die schönste Freude. So geht Rache!

 

Mama Susi: „Wir schaffen das“. Justin: „Yes we can“. Nur Oliver konnte es sich nicht verkneifen, den Lateiner rauszuhängen und rief: „Ceterum censeo, Planem Terrassus Wöhrmühlensis esse delendam.“

 

Es herrschte Euphorie an den Seelöchern.

 

Und mitten hinein in diese aufgekratzte Stimmung fragte Omi dann doch ganz zaghaft: „Und was machen wir, wenn die dann erneut anfangen, die Trasse wieder aufzubauen, wieder zu betonieren, oder vielleicht ganz aus Eisen zusammenzuschweissen?“

 

Omi, kannst beruhigt sein, ich glaub', die haben dann eh kein Geld mehr für den Wiederaufbau. Und wo keine Kasse, da keine Trasse.

 

Und wenn doch, wenn da ein ausgefuchster Kurzbeiner doch noch einen söderschen oder brüsselianischen Topf anzapft, dann gibt’s nur eins: BIBEXIT. Dann werden wir auswandern. Zurück in das Land unserer Urahnen. Aber nicht in die Sümpfe im Westen und Norden, sondern in den Süden, dort wo der König mit der goldenen Tolle schon angefangen hat, eine Mauer zu bauen. Stellt euch mal vor: Eine Mauer aus Beton, so lang wie zehntausen Biber, was sag ich, hunderttausend Biber. Da haben wir dann ausgesorgt, und Generationen von Bibern nach uns, die Betonbiber, wie man sie und uns einmal stolz nennen wird“.

 

Charlotte schossen die Tränen in die Augen und Justin konnte nicht mehr an sich halten, griff die Gitarre und legte los:

 

We shall overcome, we shall overcome, we shall overcome some day.

 Deep in my heart I do believe, we shall overcome some day......“